Winger von Andrew Smith

von Franzi
4 Kommentare

Ryan Dean West (ja, wirklich) ist 14 Jahre alt, bereits in der elften und Klassenbester. Außerdem ist der zwei Jahre Jünger als seine Mitschüler. Da wird einem der Kopf auch mal ins Klo gehängt. Doch eigentlich hat der pubertäre Mickerarsch (so nennt er sich selbst) viel größere Sorgen: Wie soll er seinen Zimmergenossen in der O-Hall davon abhalten, ihn nachts nicht zu erwürgen? Und noch wichtiger: Wie soll er seine 16-jährige, beste Freundin Annie davon überzeugen, das er nicht zu jung für sie ist. Denn in die ist er ja so wahnsinnig verliebt. Hätte er seinen Freund Joey aus dem Rugby-Team nicht, wäre das Schuljahr die Hölle. Dabei ist Ryan Dean völlig egal, das Joey schwul ist, den er auf total unschwule Art liebt. Ein Jahr voller Flirts, Schlägereien und ein Jahr, in dem Ryan Dean West erkennt, wer seine wahren Freunde sind.

Jaa, so viel zum Inhalt und nun, wo fang ich an? Die Story an sich versprach viel und die Aufmachung punktet auf jeden Fall. Denn Ryan Dean, unser Musterbürschchen mit Mickerarsch, liebt es, Comics zu zeichnen und so ist das Buch auch mit diesen aufgewertet. Zu Beginn empfand ich Ryan Dean zunächst als relativ unschuldigen, typisch 14-jährigen, sympathischen Teenie, der halt in den typischen Schwierigkeiten dieses Alters steckt. Doch schon bald ging er mir einfach nur noch auf die Nerven. Auf jeder Seite Flucht er wie ein Rohrspatz, wo er ja aber eigentlich nicht Flucht, sondern nur hier jetzt schriftlich, wie er dabei jedes Mal aufs neue betont. Gefühlt in jedem zweiten Satz.

Außerdem erklärt er gefühlt auf jeder Seite (oder ja sogar echt auf jeder Seite), was für ein armer, armer Loser er doch ist und wie ungerecht er teilweise behandelt wird und wie böse doch die andern O-Hall Jungs sind (die bösen Jungs, die etwas angestellt haben, kommen getrennt von allen in die O-Hall). Alle zukünftigen Probleme die Ryan dann wirklich mit den anderen Jungs hat, sind aber leider auch alle von ihm selbst verschuldet und ausgelöst (fast alle zumindest). Das machte ihn für mich zu einem uneinsichtigen, jammerigen Vollidioten. Und ja, ich kenne 14-jährige Jungs, die gibt es auch in erzogen und einigermaßen vernünftig!

Auch darüber hinaus gibt es an diesem Buch einfach extrem viel, was ich nicht ok finde und mir mit der Zeit und je mehr ich darüber nachdenke, die Hutschnur hochgehen lässt.

Fangen wir bei Mickerarsch einmal an, neben seiner nervigen Angewohnheit, sich so zu nennen. Zum einen ist er unsterblich in Annie verliebt, macht dann aber das halbe Schuljahr was, was ein absolutes No-Go ist.

Spoiler
Er macht das halbe Buch über mit der Freundin seines Zimmergenossen rum. Die ist nur mit ihrem Freund zusammen, weil er halt ein gut aussehender Rugbyspieler ist und eine Art Trophäe. Eigentlich liebt sie jedoch hochintelligente Jungs, deswegen schmeißt sie sich an Ryan Dean ran, was der natürlich sofort akzeptiert, trotz seiner unsterbliche Liebe zu Annie. Ja, ist klar. Noch schlimmer find ich dann, dass sie ihn am Ende tatsächlich die Ganze Kacke verzeiht und ihn nimmt, argh.
Darüber hinaus geht im quasi jedes Mal fast einer ab, wenn eine weibliche Person, ja selbst die mit Damenbart (welcher jedes Mal wieder von ihm betont wird) an ihm vorbeikommt. Ryan Dean macht für mich auch absolut keinerlei Entwicklung mit, er ist am Ende noch genauso unsympathisch und unmöglich wie schon nach wenigen gelesenen Seiten.

Und nun kommen wir zu Joey und Ryan. Ich habe mich erst mal auch auf die Geschichte gefreut, weil sie versprach, divers zu sein. Weil sie Joey, der schwul ist, mit aufnimmt und ich hatte gehofft, dass man hier eine gute Coming of Age Geschichte findet, in der gezeigt wird, wie vollkommen wurscht es ist, wen man liebt. Aber arghh hier ist meiner Meinung nach so so so viel falsch gelaufen. Erstensmal gibt es gar nicht so viele Szenen mit Joey und Ryan Dean, die groß von Bedeutung wären und sooo wahnsinnig tiefe Freundschaft aufzeigen. Zweitensmal wird jedes Mal, wenn wir in so einer Szene sind von Ryan Dean betont, dass er ja so gar kein Problem damit hat, dass Joey schwul ist, aber er ist es auf keinen Fall und andere sollen bloß nicht auf die Idee kommen, dass dem so ist, wenn er mit Joey unterwegs ist.

HALT! STOPP! WAS ZUM GEIER! Wenn es egal ist und wenn das als selbstverständlich aufbereitet werden soll und transportiert werden soll, kann doch mein Hauptprotagonist, der angeblich ach so gut mit ihm befreundet ist, nicht ständig denken, dass er nicht in die gleiche Schublade gesteckt werden möchte, nur weil man die beiden vielleicht zusammen sieht. Dann muss ich die Freundschaft und die Interaktionen auch ganz normal beschreiben und kann nicht jedes Mal betonen, wie wichtig Ryan Dean ist, dass er aber ganz sicher auf keinen Fall auch schwul ist. Und was zum Teufel soll das, dass er ihn ständig mit “my gay friend” beschreibt oder vorstellt. Man könnte ihn ja auch einfach als seinen hinter-dir-stehenden und dir ständig-den-Arsch-rettenden-Kumpel vorstellen, der mit dir in einem Rugby-Team ist.

Insgesamt war das Buch für mich eine Aneinanderreihung von frauenfeindlichen, schwulenfeindlichen Szenen und Witzen, die unter die Gürtellinie gehen. Das Ganze noch mit einem höchst nervigen, stellenweise unsympathischen Protagonisten, der Verhalten an den Tag legte, dass nicht nur mit “er ist ja erst 14” entschuldbar ist. Außerdem bleiben die Protagonisten zwischen all dem Gefluche, der Objektifizierung von Frauen und dem ständigen Mickerarschigen-Loser-Gejammer von Ryan komplett blass und machen in meinen Augen keinerlei Entwicklung durch.

Ich hab nicht mal eine Ahnung, wie die eigentlich alle aussehen sollen oder was sie für besondere Charaktereigenschaften haben, außer der sexistischen Ansichten der männlichen Wesen. Joey mochte ich, aber er war gefühlt nur ein kleiner Side-Kick zum Zwecke der Diversität, der noch gut für einen sehr an den Haaren herbeigezogenen Plottwist am Ende genutzt wurde. Was äußerst schade ist. Das meiste der Geschichte war für mich einfach vollkommen überzogen dargestellt und dann oft auch mit echt grenzwertigen Ansichten und Aussagen.

Nicht meint Fall

Werbung – Angaben zum Buch: Carlsen/Königskinder, 464 Seiten, 2016, ISBN: 978-3-551-56027-8

4 Kommentare

Related Posts

4
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
2 Kommentar Themen
2 Themen Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf das am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar Thema
2 Kommentatoren
#SuBventur Gone Wrong Teil Zwei - Es Eskalierte Wieder |-Leselust Bücherblog-Franzi S. Letzte Kommentartoren
  Abonnieren  
neueste älteste meiste Bewertungen
Benachrichtige mich bei
-Leselust Bücherblog-
Gast

Liebe Franzi,
Das Buch habe ich schon so oft gesehen und das Cover fand ich immer cool. Worum es geht, wusste ich aber nie. Das hat deine Rezension jetzt geändert. Und ebenso jede Lust verjagt, das Buch zu lesen. Das wird also definitiv von der Leseliste gestrichen.
Danke für die kritische Buchbesprechung. Und sehr cool das mit dem Spoiler übrigens. Sehr gute Lösung.
Liebe Grüße, Julia

trackback

[…] Winger von Andrew Smith […]