Untenrum frei von Margarete Stokowski

von Franzi
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In Frankfurt habe ich zusammen mit Sabine dem Gespräch mit Margarete Stokowski gelauscht. Gelesen hatte ich ihr Debüt oder ihr neues Buch, “Die letzten Tages des Patriarchats” allerdings noch nicht. Ich war nach dem Gespräch aber so beeindruckt, dass beide Bücher direkt auf meinen SuB einzogen durften. “Untenrum frei” habe ich auch zeitnah gelesen und bin absolut begeistert!

In ihrem Debüt geht es um Sexismus, um Gleichberechtigung, Ungerechtigkeiten, manifestierte Rollenbilder und sie beschreibt zugleich ihr eigenes Erwachsenwerden, einschneidende und persönliche Erfahrungen, die sie in ihrem Leben bisher gemacht hat und die zugleich die Erfahrungen von so vielen widerspiegeln. Ein Buch, das Gesellschaftsprobleme aufzeigt und auch ich konnte mich in manchen Gedanken und Situationen wiederfinden, wurde zum Nachdenken angeregt. Kurzum: Lest! Dieses! Buch!

Am Hochstapler Syndrom leiden Frauen viel häufiger als Männer. Egal, welche Erfolge sie erzielen, stets haben die Betroffenen Angst, es könnte rauskommen, dass sie nichts davon verdient haben und in Wirklichkeit komplette Loser sind.
S. 106

Persönlich und doch Gesamt-Gesellschaftlich

Margarete Stokowski hat ein persönliches, befreiendes Buch geschrieben. Sie spricht über Themen, über die man lieber nicht spricht – doch warum eigentlich? Warum fällt es uns leichter, über Essen oder Ähnliches zu reden, als über Sex? Oder über festgefahrene Rollenbilder? Struktur- und Machtprobleme? Wie hängen die Freiheit im Kleinen und die Freiheit im Großen zusammen? All das versucht sie in ihrem Buch zu beantworten und zeigt dabei auf, wie Rollenbilder und Schamgefühl sich manifestiert haben und uns noch immer einschränken.

Das geht schon im Kindesalter los. So schreibt sie von einem persönlichen Erlebnis, noch kurz bevor sie in der Schule ist. Sie hat kurze Haare und man nahm sie nicht sofort als Mädchen wahr. Um zu zeigen, dass sie aber eins ist, redet sie den ganzen Tag nur noch in hoher Piepstimme, damit man das auch ja kapiert!

Ich versuche, möglichst hoch zu sprechen. Ich piepe, damit man merkt, dass ich ein Mädchen bin; das habe ich mir überlegt, als Trick, damit die Leute das checken. […] In echt klinge ich vermutlich wie ein Hamster, um den man langsam die Faust schließt. Das ist albern.
Untenrum frei, Margarete Stokowski, S. 26

Eine Anekdote, die einen erst mal zum Schmunzeln bringt. Albernheiten eines Kindes. Die aber doch so gut zeigt, wo die festgefahrenen Rollenbilder schon losgehen. Eben schon von klein auf, mit Kommentaren wie “Die trägt ja gar kein Rosa, wie soll man denn dann wissen, das es ein Mädchen ist” und Co.

Doch “Untenrum frei” wartet mit noch viel mehr Themen auf, ohne uns zu erschlagen: von Schönheitsidealen, Essstörungen, Selbstverletzung, sexueller Gewalt, sexueller Identität und Feminismus über Intersektionalität bis hin zu Bildung, dem Erwachsenwerden, der Pubertät oder der Mediendarstellung von Sex und Frauen. Ein breites Spektrum an unfassbar wichtigen Themen auf so wenig Seiten. Zwischen sachlichem Schreibstil, Anekdoten aus ihrem Leben und teilweise sehr persönlichen, tiefen Einblicken und einer Prise derben Humor schafft sie es, in diese viel diskutierten aber noch lange nicht gelösten Probleme neuen Wind zu bringen.

Die Schule wäre einer der Orte, an dem man jungen Menschen beibringen könnte, nach innen ihre Grenzen zu wahren und nach außen Hilfe zu suchen. Bis ich Mitte zwanzig war, hatte ich keine Ahnung, ab wann etwas ein Übergriff ist, den man sich nicht gefallen lassen muss. Ich hatte es schlicht nie gelernt und kam auch nicht auf die Idee, dass mir Informationen fehlten.
Untenrum frei, Margarete Stokowski, S. 124

Neue, wichtige Denkanstöße

Margarete Stokowski löste bei mir mit “Untenrum frei” neue Denkanstöße aus, brachte mich zum Nachdenken und Reflektieren. Wie sie von den damaligen pubertären Auffassungen schreibt, wie eine Beziehung auszusehen hat, wie typische Jugendzeitungen wie Bravo und Co interpretiert wurden, wo wir überall veraltete Rollenbilder anwendeten und noch immer anwenden, all das ist rückwirkend wahnsinnig erschreckend und leider absolut wahr und real. Bei mir und in meinem Umfeld war es kein Stück anders und noch heute hält sich so viel so fest verankert und Medien verbreiten mitunter unfassbaren Hirnschiss an Jugendliche.

Etwa ein Jahr später weiß ich immer noch sehr wenig über Sex, aber das Schlimme ist, dass ich denke, ich wäre ganz gut im Bilde, und zwar, weil ich Unmengen an Jugend- und Mädchenzeitschriften komsumiere: Bravo, Bravo Girl, Mädchen, Popcorn, Sugar, Pop Rocky, Young Miss, ich lese sie alle.
Untenrum frei, Margarete Stokowski, Seite 62
Jugendlichen beizubringen, dass sie ihren Körper sexy tricksen müssen, indem sie sich Socken in den BH stopfen, halte ich für ein Verbrechen. Natürlich tun Jugendliche solche Sachen. Aber ihnen auch noch zu erklären, dass das gut ist und ein wirklich schlauer Trick, das ist falsch. Es ist zutiefst falsch.
Untenrum frei, Margarete Stokowski, Seite 66

Besonders interessant fand ich die genauen Ausführungen und auch gut belegten Abschnitte darüber, wie krass der Unterschied zwischen der medialen Darstellung von Männern und Frauen ist. Unter anderem führt sie ein Zitat von Laurie Penny auf, das da heißt:

Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten und sich in ihren Körpern wirklich wohl und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen.
Laurie Penny

Ein Gedankenspiel, dem sie auch in ihrem Buch nachgeht und so gut trifft, wie wir in Medien und Zeitschriften dargestellt werden und mit welchen Themen wir uns doch am besten beschäftigen sollten. Klar, Gleichberechtigung und so, aber bitte, wir sollen doch bloß nicht zu laut und unbequem werden. Auf der einen Seite sollen wir uns frei fühlen und wohlfühlen, auf der nächsten wird über Stars und Sternchen hergezogen, die keinen BH tragen und “Wer trägt es besser” Vergleiche gezogen.

Darüber hinaus gibt sie uns eine Einführung in das Thema Feminismus, zeigt, wie das Thema fast schon zu einem Schimpfwort geworden ist und mit welche verqueren Bildern das Wort in Verbindung steht. Zeigt, was der Feminismus schon alles erreicht hat, aber eben auch, wie viel noch immer vor uns liegt und das wir noch lange nicht bei einer vollkommenen Gleichberechtigung angekommen sind. Sie zeigt, dass wir niemals untenrum frei sein können, so lange wir obenrum nicht frei sind – dass Ungleichbehandlung bei jedem von uns anfängt und doch in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang steht und es nachwievor viele Probleme gibt.

Ich rede mir ein, dass alles gut ist, dass dieser Vorfall in der Nacht kein besonders krasser Fall war – ich wurde nicht verletzt, es waren nur wenige scheußliche Minuten und ich ging am Tag danach ganz normal zur Uni und arbeiten. Aber ich fühle, dass es ein riesiges Problem gibt, dessen Ausmaße ich gerade erst anfange zu verstehen.
Untenrum frei, Margarete Stokowski, Seite 157
SEtilich Markierungen im Buch Untenrum Frei von Margarete Stokowski aus dem RoRoRo - Rowohl Verlag

Ich bin ihr sehr dankbar für dieses sehr persönliche Werk, dass gleichzeitig so universell ist und so viele, wichtige Themen sachlich untermauert, mit Quellen hinterlegt und doch auch mit einer Prise Humor und Hau-drauf-Stil transportiert wird und dadurch neue Denkanstöße und frischen Wind liefert. Untenrum frei wird mich noch lange begleiten, ist voll mit Markern und zeigt, dass man nicht still sein sollte, sondern laut, denn wir sind noch lange nicht bei einer vollständigen Gleichberechtigung angekommen.

Es mag diese unangenehme Situationen geben, in denen es das Einfachste ist, nichts zu sagen. Ich mache das selber auch oft genug. Wir alle müsse unsere Kraft einteilen, aber auf Dauer bringt weglächeln nichts. Mir ist kein einziger Fall in der Weltgeschichte bekannt, in dem ein schweigendes Lächeln eine Ungerechtigkeit abgeschafft hätte.
Untenrum frei, Margarete Stokowski, Seite 192

Highlight

Werbung – Angaben zum Buch: Rowohlt/RoRoRo, 256 Seiten, 2015, ISBN: 978-3-498-06439-6

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Friedelchen
Gast

Danke für deine Rezension. Ich muss gestehen, dass ich selbst vieles gar nicht so kritisch betrachtet habe, bis ich drei Töchter bekommen habe. Plötzlich bin ich viel sensibler für Geschlechterklischees und gehe aktiv dagegen an und informiere mich. Von daher kommt dieses Buch auch auf jeden Fall auf meine Merkliste.

Petra
Gast

Huhu Franzi,
dank deiner tollen Rezension ist das Buch direkt auf meine Wunschliste gewandert. Ich lese momentan viel mehr in Richtung Feminismus und auch Gesellschaftskritiken können ja durchaus aufrütteln. Danke für den informativen und überzeugenden Einblick!
Liebe Grüße, Petra

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