Ismaels Orangen

von Franzi
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*Werbung: Das Buch wurde mir vom Blanvalet Verlag zur Rezension zur Verfügung gestellt. Die Rezension spiegelt dennoch meine ehrliche und eigene Meinung wieder.

Der siebenjährige Salim Al-Ismaeli ist im April 1948 gerade sieben Jahre alt. Er ist der Sohn eines palästinensischen Orangenzüchters und freut sich bereits darauf, die ersten Früchte seines eigenen Orangenbaums zu ernten. Doch dann bricht der Krieg aus und treibt die Familie in die Flucht. Salim hat von nun an nur noch einen Traum – eines Tages seinen Baum wiederzusehen und im Land seiner Väter zu leben. Gleichzeitig wächst Judith, die Tochter von Holocaust-Überlebenden, in England auf. Sie sehnt sich danach, irgendwann ein normales und glückliches Leben zu führen. Im London der sechziger Jahre lernen sich Salim und Judith kennen und lieben. Doch ihre Liebe wird auf eine harte Probe gestellt.

Manche Leute haben das Gefühl, nirgendwo hinzugehören. Ganz gleich, wo sie auch sind, sie sind immer unglücklich. So ziehen sie von Ort zu Ort und versuchen, Frieden zu finden. Doch statt dessen landen sie immer wieder am gleichen Ausgangspunkt. Das ist der schlimmste Fluch auf dieser Welt .
S. 92

Claire Hajaj schreibt wundervoll flüssig und leicht mit einer bildhaften Sprache, die dennoch nicht überfrachtet ist. Das Buch wechselt zu Beginn zwischen der Geschichte von Judith und Salim, vereint sich dann mit ihnen zu einem Erzählstrang nur um dann gegen Ende überwiegen bei Salim zu landen. Insgesamt ein bildgewaltiger und einfühlsam geschriebener Roman, der mich schnell fesselte.

Claire Hajaj hat mit Judith und Salim zwei unglaublich starke und sogleich so unterschiedliche Protagonisten geschaffen. Beide geben uns Einblick in ihre Kultur und ihre Vergangenheit, die ihnen bereits in ihrer Kindheit Steine in den Weg legt und die bei ihrem Kennenlernen nur noch größer und zahlreicher werden. Beide sind tiefgründig, authentisch und facettenreich und obwohl ich Salim oft hätte Ohrfeigen können, gerade im späteren Verlauf des Buches, so kann man sein Verhalten und seine Gefühle doch nachvollziehen.

Die Geschichte beginnt mit der Vertreibung von Salims Familie aus Jaffa und von ihrer Orangenplantage. Kurz bevor Salim endlich seine erste Orange von seinem Baum, der zu seiner Geburt gepflanzt worden ist, hätte ernten dürfen.

Doch der Krieg kommt nach Palästina und sie fliehen. Sein ganzes Leben klammert sich Salim an die Hoffnung, eines Tages zurückzukehren und im Land seine Väter seine Orangen zu ernten. Im Laufe seiner Reise, die ihm niemals das wirkliche Heimat-Gefühl beschert, landet er zum Studium in London, wo er auf Judith trifft. Judith wuchs in einer jüdischen Familie in England auf. Sie selbst hat zwar keine Vertreibungen hautnah erleben müssen, hat es als Jüdin dennoch nicht einfach, obwohl sie einfach nur eine unbeschwerte Kindheit erleben will. Beide lernen sich kennen und lieben. Trotz dieser riesigen kulturellen Kluft, er als Palästinenser, sie als Jüdin, beide Kulturen, die bis tief in die Vergangenheit verfeindet sind, wagen sie es gemeinsam eine Zukunft zu starten. Sie tun alles, um sich für keine der beiden Seiten zu entscheiden und gemeinsam ihr Leben zu Leben. Doch die Vergangenheit lässt sich nicht ausschalten und ihre Liebe muss harte Proben durchstehen.

Das Buch ist wundervoll und einfühlsam geschrieben. Zwar ist es keine wirkliche Erzählung aus Claire Hajaj’s Leben, dennoch merkt man, dass sie aufgrund ihrer Vergangenheit und ihrer Familienzugehörigkeit weiß, wovon sie schreibt und selber viel dieser Gefühle und Konflikte erleben musste.

Sie schafft es, die leider dauerhafte aktuelle Geschichte rund um den Nah-Ost-Konflikt und die Tragödie zwischen Israel und Palästina, spannend zu beschreiben. Dabei gibt sie Einblicke in die Kulturen, Beweggründe und Gefühle beider Seiten. Sie schafft es, eine bewegende Liebesgeschichte zu erzählen, die den gesellschaftlichen, menschlichen und politischen Gegebenheiten viel Raum lässt und somit keine kitschige Romanze ist.

Das Buch erzählt davon, wie stark diese Kluft zwischen den Kulturen ist und wie sehr die Menschen noch heute von ihrer schweren Vergangenheit, belastet sind. Es zeigt, dass es keinen Sinn macht, sich in der Vergangenheit zu verrennen und Dinge ungeschehen machen zu wollen, die nicht zu ändern sind, sondern das Familie und Liebe viel wichtiger sind, beziehungsweise sein, sollten als ein alter Kluft zwischen Kulturen.

Ismaels Orangen ist ein packendes, bildgewaltiges und einfühlsames Buch das mir auf jeden Fall im Gedächtnis bleiben wird. Beim Lesen merkte ich in jeder Zeile, wie viel  Herzblut der Autorin in der Geschichte steckt. Claire Hajaj ist es gelungen eine ausgewogene Geschichte zwischen Liebe und zwei Kulturen und dem Jahrhunderte andauernden Konflikten zwischen Arabern und Juden zu verbinden.

Highlight

Werbung – Angaben zum Buch: Blanvalet, 436 Seiten: 2013, Übersetzung: Karin Dufner, hier Hardocver bei Blanvalet mittlerweile als TB unter dem Titel: Der Duft von bitteren Orangen

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Sparstrumpfchallenge | Lovely Mix

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hadassa
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Das klingt gut und kommt gleich mal auf meine Liste. Obwohl ich eine Autobiographie noch spannender fände, denn ich finde fast unglaublich, dass so eine Beziehung funktionieren kann. Wahnsinn!

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[…] Ismaels Orangen – Claire Hajaj (436 Seiten): 5 Herzen […]

Anna
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Hach, das klingt wirklich gut und die (?) Sketchnote ist wirklich toll! Das ist wirklich eine prima Idee, jetzt bin ich ein bisschen neidisch, dass ich weder solche Ideen habe, noch sowas könnte!

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[…] privat und lebt auch für Sachbücher und Biografien, Miriam ist in der Belletristik  (P.S. bei Ismaels Orangen kann ich absolut zustimmen) zu Hause, Nina beim Jugendbuch und der hauseigene Küchenbulle […]

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[…] Kite Runner oder A Thousand Splendid Suns ebenso wie: Der Zug der Waisen von Christina Baker Kline, Ismaels Orangen von Claire Hajaj, Der Junge im gestreiften Pyjama von John Boyne, To Kill a Mockingbird von Harper Lee oder Das […]

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