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Peter Pan – Kindheitsheld entzaubert

von Franzi
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Vorsicht – wer das Buch nicht kennt und gerne noch lesen möchte, könnte gespoilert werden.

Wer kennt ihn nicht, den Kindheitshelden Peter Pan, seine verlorenen Jungs, Wendy und Co, Hook, das Krokodil, Tinkerbell und das Nimmerland. Auch ich fand als Kind die Vorstellung, nie erwachsen werden zu müssen und mit Feen im Nimmerland zu wohnen großartig. Tatsächlich habe ich aber nie das Buch gelesen.

So freute ich mich ganz besonders, dass in unser “Reading Classics” WhatsApp Runde die Wahl für Oktober auf das Buch Peter Pan viel. Sofort hab ich mir auch diese wunderschöne Ausgabe bestellt, die Penguin Chalk Edition. Und stürzte mich voller Vorfreude in die Abenteuer des Kindheitshelden und der Traumvorstellung Nimmerland.

All you need is faith and trust and a little bit of Pixi Dust
Peter Pan, J.M.Barrie
Dreams do come true if only we wish hard enough
Peter Pan, J.M. Barrie
Come with me were dreams are born and time is never planned
Peter Pan, J.M. Barrie

Wer erwartet bei solchen Zitaten nicht auch diese aufregende Vorfreude-Kribbeln-im-Bauch, das man von magischen Momenten der Kindheit kennt. Nun, nur als Kind habe ich Geschichten noch nicht hinterfragt und mich von diesem Zauber tragen lassen, ohne mir auch mal kritischere Gedanken zu machen. Klar, dazu fehlt einem als Kind schlicht und einfach auch noch die Erfahrung und der Bezug. Und so stürzte ich mich mit diesem Gefühl ins Nimmerland und wurde schon nach wenigen Seiten absolut entzauber. Der große Kindheitsheld ist für mich gefallen und Nimmerland brauch ich eigentlich auch nicht. Doch warum?

1. Friedliche Kindheitsstory? Von wegen!

Zum einen fand ich die Geschichte ehrlich gesagt ziemlich verstörend und für so eine Kindergeschichte ganz schön blutrünstig und brutal. Ich mein, Hook und seine Piraten, die ein paar kleine Kinder umbringen wollen? Peter, der ein Krokodil auf Hook ansetzt und selbst gerne draufhaut? Tiger Lily und ihre fast schon blutrünstigen Indianer? Tinkerbell, die Wendy quasi umbringen möchte, weil sie so eifersüchtig ist?

Ernsthaft, warum wird das so gefeiert? Für mich steckt, dafür das es eine Kindergeschichte ist, viel zu viel unreflektierte Gewalt darin, die vollkommen ohne Schuldgefühle von sich geht.

2. Peter ist einfach nur ein sexistisches, arrogantes Arschloch

Als Kind hab ich natürlich nicht reflektiert und nur den Zauber hinter Nimmerland, dem Fliegen und Feen an sich gesehen. Aber boah Leute, jetzt aus Erwachsenensicht ist mir erst einmal aufgefallen, dass Peter eigentlich nur ein arrogantes, überhebliches, sexistisches Arschloch ist – meiner Meinung nach! Noch dazu ist er manipulativ und er denkt das ganze Buch fast ausschließlich an sich selbst. Er wendet meiner Meinung nach Gewalt an, einfach nur zum Zeitvertreib und aus Spaß. Er rastet schier aus, wenn er mal nicht das Sagen hat oder sein “Ich-hab-das-Sagen” angegriffen wird, zum Beispiel als plötzlich Wendy im Mittelpunkt steht.

Ihm ist absolut egal, wie sehr er den Eltern von Wendy, John und Michael weht tut, als er die drei dazu verführt (ja fast schon entführt!), nach Nimmerland aufzubrechen. Nur damit seine Verlorenen Jungs, die er ja selbst von seinen Elternen weggeholt hat, eine Mutter bekommen. Wendy soll als Ersatz her, damit die Jungs nicht mehr ständig an ihre Mütter denken. Ja sie reden sogar nur heimlich, wenn Peter nicht dabei ist, von ihren Müttern und Vätern. Denn Peter verbietet (!!) es ihnen, von ihnen zu erzählen, den Mütter seine ja nur dümmliche, grauenvolle Kreaturen (!!).

3. Die absolut grauenhafte Darstellung von Mr & Ms Darling

Die Eltern der drei werden auch absolut grauenvoll, grauenvoll dargestellt. Wer es nicht kennt, sollte diesen Absatz definitiv nicht lesen.

Da wäre zum einen der Start des Buches. Hier wühlt Ms Darling ernsthaft (ernsthaft!!) in den Gehirnen ihrer Kinder herum! Ja! Wirklich! Um Ihre Gedanken aufzuräumen, falsches auszusortieren und zu richten. Na, das ist ja überhaupt kein verstörender Gedanke und überhaupt nicht manipulativ!

Der Vater. Himmel kommt der schlecht weg. Er ist kalt, ein Feigling und aggressiv. Wie er Nana, den Hund (das “Kindermädchen”) behandelt. Die wird im Zwinger angekettet und muss seine Medizin schlucken, weil er zu feige ist, sie zu nehmen. Seine zwei weiteren Kinder hat er nie gewollt, Ms Darling musste in also manipulieren und austricksen, um die noch zu bekommen. Und als aber seine Kinder dann verschwinden, schläft er plötzlich in Nanas Zwinger und geht damit sogar zur Arbeit. Ähm, was?

4. Frauenfeindlich ohne Ende

Da gehts ja schon mal los, dass es die “Verlorenen Jungs” sind. Wendy soll nur als Mutterersatz her halten, Kochen, putzen, backen, Betten machen und Geschichten erzählen. Was, wie und welche bestimmt aber am besten Peter. Und, siehe oben, die Tatsache, dass Mütter als etwas Dümmliches, Nutzloses dargestellt werden. Alles nur, weil Peter seine Mutter hasst. Und das nur, weil er, nachdem er jahrelang von zu Hause fernbleibt, doch irgendwann ein geschlossenes Fenster vorfindet. Weil sie es gewagt hat, ihr Leben irgendwann weiterzuleben, weitere Kinder zu bekommen und nicht bis an ihr Lebensende in Trauer um den verschwundenen Sohn lebt, ohne je wieder etwas anderes zu tun als am Fenster zu sitzen und auf seine Rückkehr zu warten.

Außerdem wird quasi kommuniziert, dass es vollkommen okay ist, dass Mütter für alles beschuldigt werden können, wie es im Buch heißt:

Mothers alone are always willing to be the buffer
Peter Pan, J.M. Barrie

Ja los, wälzt alles Unglück und alles was euch nicht passt einfach auf euren Müttern ab, zu was anderem sind sie ja eh nicht zu gebrauchen (hier ernsthaftes Augenrollen und rot vor Wut werden einfügen). Natürlich gibt Barrie in diesem Buch so auch Ms Darling, die eigentlich am Anfang abgesehen von der Hirnszene als fürsorgliche Mutter dargestellt ist, die Schuld, dass die drei abgehauen sind.

Und der Grund der ganzen Geschichte an sich – Wendy zu verführen, nach Nimmerland zu kommen, damit sie oben besagte Dinge tun kann und als Mutter fungiert, die ja aber nutzlos sind. Außer wenn sie natürlich kocht, strickt, näht und Ballastmüllhalde für alles und jeden sein soll. Sobald sie aber dort sind und anfängt, den Jungs Geschichten von Müttern zu erzählen, boa, das ist zu viel für Peter und ständig lässt er sie einfach links liegen und ignoriert sie. Ihre Aufgabe ist ja nun erfüllt und so. Für mehr braucht er sie ja nicht.

Neben dieser Mutter-Figur, mit der Barrie suggeriert, das Frauen nur zum Haushalt führen, Kinderkriegen und Kindergroßziehen zu gebrauchen sind, gibt es dann natürlich noch die Femme Fatal wie Tinkerbell und Tiger Lily. Tiger Lily nutzt ihr Aussehen, um die Indianer zu führen. Tinkerbell ist absolut eifersüchtig auf Wendy und kann ohne Peter praktisch nicht Leben. Also bringt sie die verlorenen Jungs ernsthaft dazu, Wendy zu erschießen! Grandiose Frauenbilder, nicht?

Ja, zu der Zeit, als das Buch geschrieben wurde, war die Rollenverteilung vielleicht eine andere. Aber auch dafür ist die Darstellung absolut unter aller Sau und das erklärt auch nicht, warum so viele so blind noch immer diese Originalgeschichte so feiern. Für mich ist Peter Pan aus Erwachsenensicht und aus der Originalfeder von J.M Barrie absolut entzaubert und äußerst kritisch zu betrachten. Eine Geschichte, die ich meinen Kindern mal bestimmt nicht selbst erzählen werden!

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Chrissi
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Guten Morgen,

da bin ich jetzt aber sehr gespannt. Ich hab Peter Pan noch auf meiner Bucket List und werde es irgendwann lesen. Natürlich wusste ich dass es vermutlich kein einfachs Kinderbuch ist, aber das ist jetzt natürlich schon sehr krass. *seuftz* Mal sehen wann ich mir das Buch vorknöpfe.

Liebe Grüße
Chrissi