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Mittagsstunde von Dörte Hansen

von Franzi
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Rezensionsexemplar/Werbung: Die Rezension spiegelt dennoch meine eigene und ehrliche Meinung wieder.

In Mittagsstunde begleiten wir Ingwer Feddersen, de Jung, der ein Sabbatical einlegt, um seinen Großvater Sönke und seine Großmutter Ella, die beide weit jenseits der 90ig sind, zu pflegen. Vater-Mutter-Kind nur umgedreht. Dazu fährt er zurück nach Brinkebüll, das kleine Dorf, in dem er aufgewachsen ist. Ein Dorf, das er kaum wiedererkennt: keine Schule mehr, kein Bäcker mehr und auch kein Kaufmann. Die Störche nisten nicht mehr auf dem Dach der Kirche, auf den Feldern gibt es keine Kühe mehr, nur Mais und Windkraft. Und wo früher die Schwalben Glück brachten, stehen sie heute für einen Hof, der sich nicht mehr halten kann. Doch im Gasthof seines Großvaters Sönke, da steht der sture Ole immer noch. Und Ingwer hat noch etwas gutzumachen.

Die beiden Alten waren auf den letzten Metern. Er wollte es gut zu Ende bringen, sie würden Vater-Mutter-Kind mit neu verteilten Rollen spielen. Ein paar Monate, vielleicht ein Jahr, es konnte nicht mehr lange dauern.
S. 63

Authentischer, bunter Haufen Charaktere

Ingwer Feddersen ist 47 Jahre alt. Vor Jahren schon hat der dem alten Brinkebüll den Rücken kehrt. Ist zu den Studierern gegangen und lebt in einer Dreier-WG in Kiel. Aus der Studentenbude wurde irgendwann die Mittvierziger-WG, geändert haben sie sich kaum. Selbst die alten, unbequemen Ikea-Stühle sind nicht kaputt zu bekommen und noch immer Teil des Mobiliars. Wir steigen ein, als er mit einem Sabbatical beginnt und zurück in sein Heimatdorf fährt.

Brinkebüll – hier ist längst nicht mehr alles beim Alten, nur der sture Sönke steht noch immer hinter dem Tresen. Sönke, an dem Ingwer noch etwas gut machen muss, ist sein Großvater. Den er im Stich ließ, in dem er seinem Heimatdorf den Rücken kehrte, weil er eine Wahl hatte, sich für das Leben in der Stadt und ein Studium entschied. Anders als noch bei Sönke und den Generationen vor ihm. Du warst der Sohn eines Gastwirts, der noch einen kleinen Hof hat? Dann hast du das Erbe auch angetreten.

So auch Sönke, Urgestein und Nothafen des Dorfes. Schon seit er 15 ist, bewirtet er Brinkebüll, gibt Geburtstagsfeiern, Hochzeiten, Goldene Hochzeiten und trinkt am Ende des Tages auch gern seinen Korn mit. Nur die Gnadenhochzeit, die gab es hier noch nicht. Auf seine fiebert er hin wie ein kleines Kind kurz vorm Geburtstag. Ella, die all die Jahre an seiner Seite war, verliert langsam ihren Verstand. Es wirkt, als wären sie eines dieser Pärchen, die jeder immer beneidet, alt werden Hand in Hand. Doch es ist nicht immer alles so, wie es den Anschein macht. Noch immer haben sie ihre Momente, in denen sie wie frisch verliebt wirken. Aber im Laufe des Buches erfahren wir so viel zu ihrer Lebensgeschichte. Begleiten sie und ganz Brinkebüll durch Höhen und Tiefen.

Auch Marret, die Tochter der beiden und Mutter von Ingwer, ist dabei, die von allen nur Marret Ünnergang genannt wird, weil sie ständig durch den Ort zieht und De Welt geiht ünner ruft. Der Lehrer Steensen, alte Schulkameraden von Ingwer, Kapuzenkinder, die Bauern der Umgebung, den Bäcker – jeder einzelne dieser Dörpsminnschen ist so realitätsnah und glaubwürdig gezeichnet, dass es wirkt, als würden wir die reale Chronik eines kleinen, nordfriesischen Dorfes und dessen Bewohner kennenlernen, indem sich so vieles ändert und doch auch manches beim alten bleibt.

Stand in der Altmoränenlandschaft, jeden Tag, und spürte diesen Wind, von dem er annahm, dass es seit Jahrtausenden derselbe war. Derselbe alte Wind, der seit der Eiszeit Kanten in die Steine schliff.
S. 230

Einfühlsames Bild vom Wandel der Zeit

Ein Dorf, das wie so viele vom typischen Dorfsterben betroffen ist. Wann fing das wohl an? Bei der Flurbereinigung in den 70er Jahren? Als die Hecken und die Vögel verschwanden? Als die großen Höfe wuchsen, betonierte Einfahrten, riesige Mercedese, Melkmaschinen kamen? Und die kleinen Bauern, bei denen noch immer die Schwalben nisten, weil der Hof noch aus Matsch besteht, langsam starben?

Dörte Hansen zeigt den so typischen Wandel der Zeit und das Aussterben der kleinen Dörfer und der Dorftraditionen auf. Die Kinder gehen weg zum Studieren, die Alten sterben. Die Zugezogenen Städter gehen nur noch in großen Supermärkten einkaufen und schicken ihre Kinder in die große Gesamtschule, statt in die kleine Brinkebüller Dorfschule. Gefeiert wird nun hauptsächlich in irgendwelchen Discos, gearbeitet in der Stadt. Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten und überrollt viele der Alteingesessenen.

Die Zeit der Bauern ging zu Ende. Man blies das Feuer aus, man brach die Zelte ab und ließ die letzten Sesshaften zurück. […] Zeitalter fingen an und endeten, so einfach war das.
S. 318

Doch das Buch ist deswegen keineswegs düster und bedrückend. Klar, solche Stellen gibt es auf jeden Fall. Aber das Buch ist so voller Wärme und ein so berührender Rückblick durch mehrere Jahrzehnte dieses kleinen Dörfchens. Eine Geschichte voller Traditionen, Menschlichkeit, Zusammenhalt und eine Geschichte, einer kleinen Familie, die sich durch die Jahrzehnte kämpft.

Dabei wechselt Dörte Hansen immer wieder die Perspektive, blickt zurück in die Vergangenheit, nimmt uns mit in das Dorfleben von früher. Und erzählt auch von Ingwers Jahr zurück in der Heimat, in dem er eine Schuld begleicht und sich liebevoll um Sönke und Ella kümmert. Das Ganze ist, wie schon bei “Altes Land”, wieder in einem warmen, authentischen Schreibstil erzählt, der mich mitnahm und berührte.

Das Dorf kam ohne ihn zurecht. Zerschrammtes Altmoränenland, es brauchte keinen Ingwer Feddersen, es brauchte niemanden. Der Wind war noch immer der alte. […] Auch diesem alten Wind war es egal, was Menschen taten, ob sie blieben oder weiterwanderten. Es ging hier gar nicht um das bisschen Mensch.
S. 319

Highlight

Werbung – Angaben zum Buch: Penguin, 320 Seiten, 2018, ISBN: 978-3-328-60003-9

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