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Blogtour “Buch im Kontext”: Die Funktionshäftlinge im KZ

von Franzi
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Heute geht die Blogtour anlässlich der deutschen Übersetzung zu “Der Tätowierer von Auschwitz” bei mir in die zweite Runde. Gestern machte Mareike den Anfang mit ihrem Startartikel zur Gedenkstätte Neuengamme. Weitere Stationen der Blogtour sind:

(c) Mareike crowandkraken.de (auch das Headerbild ist von ihr)

Funktionshäftlinge in KZs und Arbeitslagern

Bei mir geht es heute ganz allgemein um Funktionshäftlinge in den KZs. Lale hatte als Tätowierer eine Sonderstellung und lässt sich daher vermutlich am ehesten auch zu den Funktionshäftlingen einordnen, zumindest hatte er ähnliche Privilegien. Lale musste seinen Mithäftlingen auf brutale Art ihre Nummer direkt auf den Körper tätowieren. Diese Funktion war einmalig, denn in allen anderen Konzentrationslagern wurden die Nummern auf der Kleidung aufgebracht (*1). Sogenannte Funktionshäftlinge gab es jedoch überall.

Funktionshäftlinge waren Gefangene im System der Konzentrationslager, die von den SS-Bewachern für verschiedenste Funktionen eingesetzt wurden. Unter anderem als Aufseher im Arbeitseinsatz oder weiteren Kontroll-, Ordnungs- und Verwaltungsaufgaben. Hauptsächlich wurden sie in Konzentrations- und Arbeitslagern eingesetzt, um der Masse an Häftlingen Herr zu werden. Mit Ihnen entstand im Grunde eine zweite Hierarchie, um die Häftlinge kontrollierbarer und beherrschbarer zu machen. So sparte man SS-Personal und Kosten. Ohne Sie wäre der reibungslose Ablauf in den Lagern kaum möglich gewesen. Im Gegenzug dazu, dass sie für Ordnung im Lager sorgen mussten, wurden Ihnen gewisse Privilegien zuteil. Eine Position, die dafür sorgte, dass Opfer zu Tätern und Täter zu Opfern wurden und die Spaltung der einzelnen Gruppen in den KZs und der Häftlinge untereinander vorantrieb. Funktionshäftlinge waren häufig die verhassten Handlanger der SS. Eine große Wahl hatten sie alle nicht. Viele wurden zu Erfüllungsgehilfen der SS. Doch einige, wie auch Lale Sokolov, nutzen diese Privilegien auch, um Mithäftlingen zu helfen und riskierten dabei ihr eigenes Leben (*2).

Das System der Funktionshäftlinge

(c) Grafik: ANg, offenes-archiv.de

Das System bestand aus leitenden Führungshäftlingen, Häftlingen, die wichtigste Stellung in Wirtschafts- und Versorgungseinrichtungen hatten sowie Häftlingen, die in geschlossenen Räumen arbeiteten. Danach folgte die große Masse, die Schwerstarbeit verrichten mussten. Je höher ein Häftling gestellt war, desto besser war seine Ernährung, Kleidung und Unterbringung (*3).

Die Spitze bildete der sogenannte Lagerälteste. Er musste der SS gegenüber die gesamte Ordnung im Lager vertreten und gewährleisten. Danach folgten die Block- und Stubenältesten. Die Blockältesten waren für die Einhaltung der Vorschriften in ihrem Baracken-Block zuständig, die Stubenältesten waren hingegen für “Hygiene” und “Ordnung” in den einzelnen Baracken/Stuben zuständig. Darunter zählte zum Beispiel die Lauskontrolle. Zu weiteren Funktionen (Häftlinge, die in geschlossenen Räumen arbeiten), gehörten zum Beispiel Arbeiten zur Lagerverwaltung, in Versorgungseinrichtungen wie der Wäscherei oder als Pflege und Häftlingsärzte sowie in der Schreibstube (*1). So setzt sich Lale in “Der Tätowierer von Auschwitz” beispielsweise dafür ein, Gita in eine solche Position zu bringen, um sie vor der schweren, körperlichen Arbeit vor allem während ihrer Krankheit und dem damit fast sichern Tod zu schützen. Am Anfang wurden häufig kriminelle inhaftierte Deutsche und Österreicher in solchen Positionen eingesetzt. Später zunehmend auch politische und nicht deutsche Häftlinge.

Sonderstellung – Zwischen den Fronten & Privilegien

Als Funktionshäftling ergab sich eines äußerste prekäre Sonderstellung. Zum einen bekam man mehr zu Essen, bessere Kleidung und Unterkünfte, hatte gleichzeitig keine körperliche Schwerstarbeit und hatte damit sehr hohe Chancen, zu Überleben. Aber, natürlich nur solange, wie es die SS wollte. Widersetze sich ein Funktionshäftling und führte die Stellung nicht ordentlich aus, waren die Privilegien schnell entzogen, im harmlosen Fall…der Tod war wohl eher die wahrscheinlichere Konsequenz. Gleichzeitig zogen die Funktionshäftlinge den Hass der Mithäftlinge auf sich. Denn sie konnten ihre Stellung nicht nur dazu einsetzen, anderen zu helfen, sondern auch, um die Vorschriften auf brutale Art durchzusetzen. Gerade in höheren Stellung hingen die gesamte Lebensbedingung der Häftlinge von Funktionshäftlingen ab, die unter anderem für die Verteilung von Lebensmitteln und Kleidung eingesetzt waren (*2).

Anderen Mithäftlingen zu helfen, besonders schwächere und kranke zu schützen, sorgte oft dafür, dass man selbst mit dem eigenen Leben spielte. Ein Punkt, den sich wohl viele von uns nicht getraut hätten zu wagen. Dennoch gab diese Art der Menschlichkeit an so einem unmenschlichen Ort, wie uns Lale Sokolov in “Der Tätowierer von Auschwitz” zeigt. Teilweise gelang es, Mithäftlinge in günstigere Wohnblocks zu bekommen, ihnen eine leichtere Arbeit zu verschaffen oder gar deren Identität zu verschleiern, um sie vor Nachverfolgung zu bewahren (*1). Der Grad war äußerst schmal, von einer Lagerkarriere auf der einen Seite und der Gaskammer auf der anderen Seite waren es nur Millimeter. Das eigene Schicksal als Funktionshäftling hing hier also auch von der Gunst der SS ab.

Der Einsatz von Funktionshäftlingen sollte die Solidarität der Häftlinge gegen die SS unterbinden, spaltete die Häftlinge und sparte Kosten. Teilweise wurde diese Stellung auch aufs Brutalste ausgenutzt, aber einige zeigten dennoch Solidarität und halfen unter Lebensgefahr täglich den Mithäftlingen. In vielen Berichten werden Funktionshäftlinge als Mittäter betitelt. Was teilweise vermutlich zutrifft. Zu Bedenken bleibt jedoch, dass diese sich die Positionen nicht aussuchten und ihnen meist auch nur Gehorsam oder Tod blieb, mit Glück auch nur eine Entbindung aus der Position, wenn sie erwischt wurden, während sie anderen halfen oder ihren Job nach dem Geschmack der SS nicht ordnungsgemäß ausführten (*5).

Nicht nur Lale versucht seine Privilegien irgendwie zur Hilfe für andere zu nutzen. Ein weiteres prominentes Beispiel ist auch Otto Küsel, der unter anderem ebenfalls in Auschwitz inhaftiert war. Er war einer der ersten 30 Häftlinge dort und wurde von Rudolf Höß zum Funktionshäftling ernannt. Er war für die Koordination der Arbeitskommandos zuständig. Wie Lale auch, bewältigte er tagtäglich einen Drahtseilakt, um auf der einen Seite seine Pflichten so zu erledigen, ohne seine Stellung oder gar sein Leben zu verlieren und gleichzeitig, seine Stellung zu nutzen, anderen zu helfen, statt diese mit brutaler Überlegenheit zu führen. Er organisierte die Arbeitskommandos so, dass möglichst ausgemergelte, erschöpfte und kranke die leichteren Aufgaben zugeteilt bekamen. War also unter anderem mit dafür verantwortlich, um Leute wie Gita in die Schreibstuben zu bekommen (*4). Auch in Dachau gab es einen wie Lale und Otto. Den Widerstandskämpfer Ludwig Soswinski. Er buchte heimlich Geldbeträge von den reicheren Häftlingen (mit deren Einverständnis) auf die Konten der ärmeren um, damit diese in der Lagerkantine einkaufen konnten. Ebenfalls in Dachau eingesetzt war Heinrich Söhr, der als Oberpfleger zahlreichen Häftlingen das Leben rettete, indem er sie im Krankenrevier versteckte (beides *5). Nicht selten waren Funktionshäftlinge und andere privilegiertere Häftlinge wie Lale Mitbegründer des Widerstandes(*5).

Werbung – Infos zum Buch, deutsche Übersetzung: Piper Verlag, 304 Seiten, 2018, Übesetzung: Eslbeht Ranke, ISBN: 978-3-85179-407-6

Hier geht es zu den weiteren Beiträgen:


Quellen:

*1: https://de.wikipedia.org/wiki/Funktionsh%C3%A4ftling#Einzelne_Funktionen

*2: https://www.mauthausen-memorial.org/de/Wissen/Das-Konzentrationslager-Mauthausen-1938-1945/Das-System-der-Funktionshaeftlinge

*3: http://www.offenes-archiv.de/de/ausstellung/lagerhierarchie-funktionshaeftlinge.xml

*4: http://www.aventinus-online.de/neuzeit/krise-der-klassischen-moderne-1918-1945/art/Die_Rolle_der_F/html/ca/819409dd06302568ca0abfc8f0dab72a/indexee27.html?tx_mediadb_pi1%5BmaxItems%5D=10

*5: https://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/nationalsozialismus/vor-70-jahren-wurde-das-kz-buchenwald-befreit-perfides-system-der-funktionshaeftlinge_id_4594299.html

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Paula
Gast
Paula

Hey,
die Antwort auf die Frage lautet: Otto Küsel war ein Funktionshäftling und für die Koordination der Arbeitskommandos verantwortlich.
Ansonsten: toller Artikel, du hast einen schönen sachlichen Schreibstil. Ich bin schon gespannt auf die anderen Stationen der Blogtour. 🙂

Elli
Gast

Hallo!
Ich finde den Post echt interessant. Vieles war mir davon nicht bewusst, auch wenn sich unsere Schule (die sich in der Nähe von Dachau! befand) damit gerühmt hat, viel Aufklärung zu leisten.

Zu der Frage: Otto Küsel war ein Funktionshäftling in Auschwitz, der für die Koordination der Arbeitskommandos zuständig war.

Kerstin von KeJas-BlogBuch
Gast

Hallo Franzi, wieder ein sehr informativer Beitrag den ich gerne gelesen habe wenn man das trotz der Thematik so sagen kann. Dieses dunkle Kapitel interessiert mich schon seit frühester Jungend und so bin ich auf einen Ausschnitt des 1. Frankfurter Ausschwitz Prozess gestoßen in dem genau dieser Knüsel als Zeuge aussagte, im Jahr 1964 – ich wundere mich immer wieder über die Verschleppung der damaligen deutschen Justiz. Mit diesem Zitat kann ich direkt die Frage beantworten : “Zeuge Otto Küsel: Ich hatte die Aufgabe, die Leute beruflich zu erfassen und dann zu den Werkstätten einzuteilen, wenn sie benötigt wurden.” Ein… Weiterlesen »

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Frau Sonnenburg
Gast

wie fein, dass ich zufällig auf eure Blogtour gestoßen bin!
Eure Posts sind allesamt sehr interessant. DAs Thema Funktionshäftlinge wurde bei uns im Schulunterricht nicht behandelt, inzwischen aber gibt es ja diverse Dokumentationen (und ich glaube, auch der Film “DieFälscher” spielt in dem Bereich).
Otto Küsel war einer der ersten Häftlinge in Auschwitz und bis zu seiner Flucht für die Koordination der Arbeitseinsätze verantwortlich.
LG
Sandra

Lena
Gast

Liebe Franzi,

auch dir möchte ich für den interessanten Beitrag der Blogtour danken. Ich finde es sehr wichtig, dass wir uns die deutsche Geschichte immer wieder in Erinnerung rufen. Die aktuellen Ereignisse in Chemnitz zeigen gerade wieder, wie anfällig unser Land für Fremdenhass und Gewalt ist.

Zu deiner Frage:
Otto Küsel war sogenannter Funktionshäftling. Er war für die Koordination der Arbeitskommandos zuständig.

Liebe Grüße
Lena

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Martinas Buchwelten
Gast

Hallo Franzi,
danke für einen weiteren interessanten Beitrag.
Mein “Llieblingsbuch” zu diesem Thema ist “Das Lachen und der Tod”. Waren diese Unterhalter und Musiker ebenso Funktionshäftlinge oder wurden diese anders benannt? Auf jeden Fall hatten sie auch einen kleinen Sonderstatus im Vergleich zu den normalen Häftlingen.
Zu deiner Frage:
Otto Küsel war Funktionshäftling und für die Koordination der Arbeitskommandos zuständig.

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